Entscheidungen  Oberlandesgerichte  OLG Hamm  2020 

OLG Hamm, Beschluss vom 08.07.2020, I - 10 W 4 / 19, 10 W 4 / 19

Stichworte:Nachlasspfleger, Vergütungsanspruch, Schwierigkeit der Tätigkeit, Werthaltiger Nachlass

Leitsatz (amtlich):

Vergütungsanspruch des Nachlasspflegers bei mittlerer Schwierigkeit der Tätigkeit und einem werthaltigen Nachlass von ca. 500.000 EUR

Entscheidungstext:

Gründe

Die nach § 44 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 FamFG statthafte Anhörungsrüge der Beteiligten zu 3) vom 03.05.2020 ist zulässig, insbesondere frist- und formgerecht gem. § 44 Abs.2 FamFG eingelegt worden.

Die Anhörungsrüge ist jedoch unbegründet. Der Anspruch der Beteiligten zu 3) auf Gewährung rechtlichen Gehörs ist durch den Beschluss des Senats vom 23.04.2020 nicht in entscheidungserheblicher Weise verletzt worden.

1.

Es stellt bereits dem Grunde nach keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar, dass der Senat vor Erlass des vorgenannten Beschlusses nicht ausdrücklich darauf hingewiesen hat, die Entscheidung auf den rechtlichen Aspekt stützen zu wollen, dass der Einwand der mangelhaften Geschäftsführung im Vergütungsfestsetzungsverfahren nicht zu berücksichtigen ist.

Die Nichterteilung eines rechtlichen Hinweises verstößt dann gegen den Anspruch auf rechtliches Gehör, wenn ein Gericht ohne vorherigen Hinweis auf einen rechtlichen Gesichtspunkt abstellt, mit dem auch ein gewissenhafter und kundiger Prozessbeteiligter nach dem bisherigen Prozessverlauf – selbst unter Berücksichtigung der Vielfalt vertretbarer Rechtsauffassungen – nicht zu rechnen brauchte (vgl. BVerfG, NJW 2003, 3687 ff. m. w. N.).

Die Beteiligte zu 3) hat während des erstinstanzlichen Vergütungsfestsetzungsverfahrens durchgehend die Ansicht vertreten, der von dem Beteiligten zu 1) abgerechnete Zeitaufwand sei im Hinblick auf bestimmte Tätigkeiten gar nicht oder nicht in dem Umfang vergütungsfähig, weil es sich entweder um für die Erben nutzlose Tätigkeiten gehandelt habe oder der für die Tätigkeiten aufgewendete Zeitaufwand überhöht sei.

Das Nachlassgericht hat dagegen sowohl in dem Festsetzungsbeschluss vom 23.05.2018 als auch in dem Nichtabhilfebeschluss vom 14.12.2018 zu erkennen gegeben, dass es sämtliche Tätigkeiten in dem abgerechneten Zeitaufwand für vergütungsfähig hält und nur die Plausibilität der Abrechnung zu überprüfen sei, dem Nachlasspfleger wegen seiner eigenverantwortlichen Amtsführung jedoch kein bestimmtes Handeln vorgeschrieben oder verboten werden könne.

Die Beteiligte zu 3), deren Bevollmächtigter die eigene Rechtsauffassung mehrfach umfassend unter Bezugnahme auf Rechtsprechung und juristische Literatur dargelegt hat, musste daher damit rechnen, dass es im Beschwerdeverfahren entscheidend auf die rechtliche Frage ankommen würde, ob ihre Einwände gegen die Abrechnung des Beteiligten zu 1) im Vergütungsfestsetzungsverfahren erfolgreich berücksichtigt werden können. Die Entscheidung des Senats war nach diesen Maßstäben nicht überraschend.

2.

Selbst wenn man dies anders sehen und einen Verstoß gegen den Anspruch auf rechtliches Gehör annehmen würde, wäre dieser jedenfalls nicht entscheidungserheblich.

Das Vorbringen der Beteiligten zu 3) in der Anhörungsrüge vermag eine abweichende rechtliche Würdigung nicht zu rechtfertigen.

Insbesondere lässt sich dem ergänzend zur Begründung der Anhörungsrüge vorgelegten Beschluss des BGH vom 11.04.2012 (XII ZB 459/10) nicht entnehmen, dass sämtliche Einwendungen gegen den von dem Nachlasspfleger abgerechneten Zeitaufwand im Vergütungsfestsetzungsverfahren mit Erfolg erhoben werden können.

Aus der vorgenannten Entscheidung des BGH ergibt sich insoweit lediglich, dass im Vergütungsfestsetzungsverfahren im Hinblick auf die Entscheidungskompetenz des Rechtspflegers nur solche Einwendungen zu berücksichtigen sind, die ihren Grund im Vergütungsrecht haben. Hierzu hat der BGH weiter unter Verweis auf Entscheidungen des Bayerischen Obersten Landesgerichts und des Oberlandesgerichts Köln ausgeführt, dass deshalb das Betreuungsgericht die Angemessenheit der Tätigkeit und des Zeitaufwandes zu überprüfen habe, um festzustellen, ob und ggf. in welchem Umfang ein Vergütungsanspruch überhaupt entstanden ist.

Auch aus den vom BGH zitierten Entscheidungen (BayObLG NJW 1988, 1919; FamRZ 1999, 1591; OLG Köln FamRZ 1991, 483) ergibt sich bezogen auf den vorliegenden Fall keine andere rechtliche Beurteilung. Denn auch diese vertreten – wie der hiesige Senat – die Ansicht, dass der Einwand mangelhafter Geschäftsführung im Vergütungsfestsetzungsverfahren nicht zu berücksichtigen ist. Etwas anderes kann nur unter Umständen dann gelten, wenn von dem Nachlasspfleger von vornherein nutzlose Tätigkeiten entfaltet werden, die z. B. nur dazu dienen sollen, einen möglichst hohen Vergütungsanspruch zu erlangen. Bei der Prüfung der Erforderlichkeit bzw. Nutzbarkeit der abgerechneten Tätigkeiten ist jedoch zu berücksichtigen, dass – worauf das Nachlassgericht bereits zutreffend hingewiesen hat – die Pfleger ihre Tätigkeit eigenverantwortlich entfalten und keiner Zweckmäßigkeitskontrolle durch das Nachlassgericht unterliegen. Entscheidend ist daher, ob der Nachlasspfleger die jeweilige Tätigkeit zur pflichtgemäßen Erfüllung seiner Aufgaben für erforderlich halten durfte. Auf die Sicht des Rechtspflegers oder die der unbekannten Erben kommt es dagegen nicht an.

Der Beteiligte zu 1) durfte sämtliche abgerechneten Tätigkeiten zur pflichtgemäßen Erfüllung seiner Aufgaben für erforderlich halten und hat den hierfür erforderlichen Zeitaufwand – wie in dem angefochtenen Beschluss ausgeführt – schlüssig dargelegt. Es ist damit für diese Tätigkeiten sämtlich ein Vergütungsanspruch in festgesetzter Höhe entstanden.

Schließlich steht auch die Rechtskraft des Vergütungsfestsetzungsbeschlusses einer gerichtlichen Geltendmachung von etwaigen Mängeln der Amtsführung nicht entgegen, da solche Einwendungen mit der Vollstreckungsgegenklage nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 FamFG i. V. m. § 767 ZPO geltend gemacht werden können (vgl. BGH, Beschluss vom 11.04.2012, XII ZB 459/10, Rn. 18 m. w. N.), bei deren Erfolg die Zwangsvollstreckung aus dem Festsetzungsbeschluss ganz oder teilweise einzustellen sein wird.

3.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 84 FamFG.

Zitierung:
OLG Hamm, 08.07.2020, I - 10 W 4 / 19
Bundesland:
Nordrhein-Westfalen
Fundstellen:
NLPrax 2020, S. 79 (red. Leitsatz, Gründe)
ZEV 2020, S. 728 (red. Leitsatz)