Die Beilackierung am Beispiel von Parksensoren

Von: Dr.-Ing. Christian Teubert, Kfz-Sachverständiger, Berlin

Allgemeines zur Beilackierung

Nach Unfallschäden an der Fahrzeugkarosserie sollte der Fahrzeugzustand wieder hergestellt werden, der unmittelbar vor dem schädigenden Ereignis bestand. Bei der notwendigen Lackierung des beschädigten Karosseriebereichs geht es immer wieder um die Frage, ob es ausreicht, das oder die beschädigten
Karosserieteil(e) zu lackieren, oder ob auch das sogenannte Ein- oder Beilackieren der angrenzenden
Karosserieteile notwendig ist und zu den schadensbedingten Kosten gehört.

Bei Farben oder Lackierungen handelt es sich um technische Produkte, die nie gleich sind. Aktuell sind mehr als 40.000 offizielle Farbtöne in der Autolackierung bekannt. Da die Reparaturlacke heute direkt vor dem Lackiervorgang mit Mischanlagen hergestellt werden, wird es stets eine geringe Abweichung des angemischten Reparaturlackes zum Originalfarbton geben.

Nachlackierungen an Fahrzeugen sind daher durch Abweichungen des Farbtons oder des Glanzgrades gegenüber der Originallackierung zu erkennen. Wenn der Lackierer in den angrenzenden Bauteilen eine Beilackierung durchgeführt hat, sind Farbtonabweichungen für das Auge nicht erkennbar, was auch der Sinn der Beilackierung ist.

Metallpartikel richten sich in unterschiedlichen Winkeln aus

Bei Metalliclacken oder anderen Effektlacken kommt noch die Ausrichtung der Metallicpartikel erschwerend hinzu. Je nach Konsistenz des aufzusprühenden Farbmaterials, des eingestellten Luftdrucks und der Luftmenge an der Spritzpistole und der Bewegungsrichtung und -Geschwindigkeit der Spritzpistole beim Auftragen und des Wohlbefindens des Lackierers richten sich die Metallicpartikel in einem anderen Winkel aus. Je nach Ausrichtung reflektieren die Metallicpartikel das einfallende Licht dann mehr oder weniger, was vom Betrachter als unterschiedlich helle Flächen empfunden wird. Auch zur Vermeidung der Erkennbarkeit unterschiedlich ausgerichteter Metallicpartikel ist eine Beilackierung der angrenzenden Flächen erforderlich.

Funktion der Beilackierung

Das folgende Bild demonstriert – hoffentlich verständlich – die Funktion einer Beilackierung. Der graue Farbton ist in der oberen und der unteren Zeile und in den beiden äußeren Feldern der zweiten Zeile und an den äußeren Kanten der äußeren Felder der dritten Zeile identisch. Das mittlere Feld in den Zeilen zwei und drei weist einen deutlich dunkleren Farbton (Nachlackierung) auf. In der zweiten Zeile ist deutlich die Abgrenzung des mittleren, dunkleren Farbtons gegenüber den äußeren Feldern mit dem helleren Farbton erkennbar; es wurde praktisch „auf Kante“ lackiert. In der dritten Zeile ist der dunklere Farbton, in den äußeren Feldern von der Mitte her, mit abnehmender Deckkraft nach außen aufgetragen. Diese Felder wurden „beilackiert“. Der Farbtonunterschied ist so für das Auge nicht mehr erkennbar. Deutlich wird dies, wenn einzelne Zeilen abgedeckt werden und die Zeilen einzeln betrachtet werden.

Um den ursprünglichen Zustand vor dem schädigenden Ereignis wieder herzustellen, muss die Lackierung des Fahrzeugs wieder so hergestellt werden, dass keine Farbabweichung zum Originallack erkennbar ist oder die Differenz muss so klein sein, dass sie als akzeptabel angesehen wird. 

Allianznorm zur Zumutbarkeit von Farbdifferenzen

Bei Farben unterscheidet man die Grenze der Wahrnehmbarkeit (Perzeptanz) und die Grenze der Akzeptierbarkeit (Akzeptanz). Ein Farbunterschied, der kleiner ist als die Perzeptanzgrenze lässt sich nicht wahrnehmen.

Bereits 1973 führten zahlreiche gerichtliche Auseinandersetzungen zur Erarbeitung der DIN 6175-1 zur Zumutbarkeit von Farbdifferenzen bei Serien- und Reparaturlackierungen. Da diese Norm unter Federführung der Allianz Versicherungsgesellschaft erarbeitet wurde, wird sie auch Allianznorm genannt.

Die Allianznorm basierte zunächst auf der CIE-Normfarbtafel und wurde im Jahr 2008 auf den DIN99-Farbenraum umgestellt. Bei der Reparaturlackierung wird ein Farbabstand von kleiner oder gleich dE99 = 0,6 zur vorhandenen Lackierung als akzeptabel definiert. Dieser Farbabstand darf bei optischer Trennung der lackierten Flächen, z.B. durch Sicken oder Zierleisten, verdoppelt werden.

Als dE* wird der Gesamtfarbabstand bezeichnet. Er ergibt sich aus

dL* = Helligkeitsunterschied
(– = dunkler; + = heller),

da* = Farbunterschied Grün <> Rot
(– = grüner; + = roter) und

db* = Farbunterschied Gelb <> Blau
(– = blauer; + = gelber)

und wird nach folgender Formel (ähnlich dem Satz von Pythagoras) berechnet.

Messung des Farbabstandes

Alle diese theoretischen Betrachtungen zeigen, dass es auch dem sachkundigen Betrachter nicht möglich ist, eine objektive, technische Entscheidung über die Notwendigkeit einer Beilackierung zu treffen, wenn nicht über ein Farbmessgerät verfügt wird. Die Farbwahrnehmung ist nicht bei allen Menschen gleich.

Eine Messung des Farbabstandes ist nur mit einem speziellen Farbtondifferenzmessgerät möglich. Derartige
Messgeräte sind sehr teuer und daher nicht in handwerklichen Lackierereien vorhanden. Mir ist in Berlin kein Betrieb bekannt, der über ein derartiges Farbtondifferenzmessgerät verfügt. Ein einfaches Farbtonmessgerät ist für die Bestimmung des Farbabstandes nicht geeignet.

Trotz intensiver Umfragen bei Fachleuten ist es mir bislang nicht gelungen, eine Beschreibung oder ein Beispiel für den Farbabstand dE99= 0,6 zu erhalten. Das Institut für Lacke und Farben e.V., Fichtestraße 29, 39112 Magdeburg, bewertet die Farbabstände wie folgt:

  • dE*                         Bewertung
  • 0 bis 0,2                  nicht wahrnehmbar
  • 0,2 bis 0,5               sehr gering
  • 0,5 bis 1,5               gering
  • 1,5 bis 3,0               deutlich
  • 3,0 bis 6,0               sehr deutlich
  • 6,0 bis 10,0             sehr stark
  • über 10,0                andere Farbe

In der Praxis entscheidet das Auge des Fachmanns

Die Allianznorm ist nicht für Effektlackierungen, wie z.B. Metallic-, Perleffekt-, Farbwechsel- oder Flip-Flop-Lacke gültig, da diese Lackierungen je nach Lichteinfalls- und Blickwinkel ihre Farbe extrem ändern können.

In der Praxis wird daher fast immer das Auge des Fachmannes und des Fahrzeugbesitzers über die Notwendigkeit einer Beilackierung entscheiden.

Im Rahmen eines Seminars im Training Center Spies Hecker, Horbeller Str. 17, 50858 Köln, im Jahr 2013 wurde eine Farbtafel vorgestellt, auf der sieben professionelle Lackierer mit demselben Farbmaterial, der selben Spritzpistole, in derselben Lackierkabine jeweils einen senkrechten Streifen lackiert haben. Im folgenden Bild ist deutlich der Einfluss des Lackierers auf den Farbton zu erkennen. Das Beispiel zeigt, dass bei einigen Farben eine Beilackierung unumgänglich ist, wenn die Farbtonabweichungen vom Betrachter nicht wahrgenommen werden sollen.

Die Beilackierung aus Sicht des Lackierers

Der Lackierer sollte bemüht sein, seinen Kunden – den Fahrzeugbesitzer – ufriedenzustellen und dabei möglichst geringe Kosten zu produzieren. Um ein möglichst optimales Ergebnis – ohne erkennbare Farbtonunterschiede – zu produzieren, wird er immer angrenzende Karosserieteile  beilackieren, wenn dies erforderlich ist. Auf Wunsch des Kunden kann er auch aus Kostengründen darauf verzichten.

Insbesondere bei Effektlacken ist aus Lackierersicht eine Beilackierung unumgänglich, wenn keine Farbtonunterschiede sichtbar sein sollen. Aber auch bei Unilacken kann eine Beilackierung erforderlich sein, da neben dem Farbunterschied auch die heute übliche Klarlackschicht die Farbtiefe beeinflusst.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Ausgabe 01/2020. 



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