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Familie Betreuung Soziales
23.06.2020

DJI: Herausforderungen für Jugendämter in Corona-Zeiten

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat seine Forschungsergebnisse zu "Kinder-und Jugendhilfe in Zeiten der Corona-Pandemie" veröffentlicht. Fazit: Jugendämter halten Kinderschutz auch in der Corona-Krise aufrecht – Die Online-Befragung zeigt jedoch Sorgen um unerkannte Risiken.

In den Jugendämtern in Deutschland sind während des Corona-Lockdowns nicht mehr Hinweise auf Gewalt gegen Kinder eingegangen als üblich. Das zeigt eine Online-Befragung für das aktuelle „Jugendhilfeb@rometer“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI), an der zwei Drittel aller Jugendämter teilgenommen haben. Demnach ist die Zahl der Gefährdungsmeldungen bei 55 Prozent der Ämter im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Krise gleich geblieben, bei 25 Prozent ist sie zurückgegangen. Lediglich bei 5 Prozent der Jugendämter gingen mehr Meldungen ein, 15 Prozent trauen sich noch keine Aussage zu. Expertinnen und Experten hatten befürchtet, dass die Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie in vielen Familien zu Krisen führen könnten.

Als Entwarnung wollen die Jugendämter diese Beobachtung allerdings nicht verstehen. „Die Ämter sehen die Zahlen zwiespältig“, berichtet Dr. Liane Pluto, wissenschaftliche Referentin, die mit vier weiteren Forschern des DJI an der Erhebung gearbeitet hat. Einerseits ist offensichtlich in vielen Regionen kein Anstieg der Gefährdungsmeldungen zu verzeichnen, „viele Verantwortliche in den Ämtern befürchten jedoch, dass Vorfälle unerkannt bleiben.“

Höchste Priorität besitzt der Kinderschutz

Die Jugendämter in Deutschland konnten ihre Aufgaben in der Zeit des Corona-Lockdowns größtenteils fortführen. Gerade der Kinderschutz hatte dabei höchste Priorität: So sind die Jugendämter weiterhin Gefährdungsmeldungen nachgegangen, haben gegebenenfalls Hausbesuche durchgeführt und in Krisensituationen Kinder in Obhut genommen. Auch die mitunter aufwändigen Hilfeplanungen mit jungen Menschen und ihren Familien haben 87 Prozent der Jugendämter weiterhin durchgeführt, wobei sich ein Teil der Jugendämter dabei auf Fälle mit Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung konzentriert hat.

Gleichzeitig war die Kommunikation mit Rat- und Hilfesuchenden aufgrund der Kontaktbeschränkungen erschwert. Ein Drittel der Jugendämter musste in seinen allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) sogar auf direkten, persönlichen Kontakt zu seinen Adressaten verzichten. Dies hat die Unsicherheit dieser Ämter über die tatsächliche Lage in den Familien deutlich verstärkt: Hier fanden es fast doppelt so viele Jugendämter problematisch, Hilfebedarf festzustellen oder den Kinderschutz aufrechtzuerhalten, als in jenen Jugendämtern, die weiterhin direkten, persönlichen Kontakt anbieten konnten.

Neue Kommunikationsangebote an Familien

Um trotz der Kontaktbeschränkungen Probleme und Unterstützungsbedarfe von Familien frühzeitig zu erkennen, haben viele Jugendämter ihre Kommunikationsangebote erweitert. Etwa die Hälfte der Jugendämter (47 Prozent) hat beispielsweise zusätzliche Kapazitäten für Online-, Telefon- und Chatberatung bereitgestellt. Aber auch ganz neue Formate wurden gefunden, wie „Walk and Talk“: Das sind gemeinsame Spaziergänge mit Familien, um Herausforderungen und Probleme zu besprechen. Trotzdem wiesen die Jugendämter in der Befragung darauf hin, dass es während der Corona-Krise besonders schwierig gewesen sei, Unterstützungsbedarfe bei Kindern und Familien zu erkennen und die jungen Menschen und ihre Eltern angemessen einzubinden.

Herausfordernd war es für die Jugendämter auch, ihre weiteren Angebote jenseits des Kinderschutzes aufrecht zu erhalten. 61 Prozent der Ämter haben wegen der Pandemie ihre Leistungsvielfalt eingeschränkt. So wurden zwar fast überall Angebote zur Erziehung wie etwa ambulante Hilfen und stationäre Unterbringungen trotz der Einschränkungen neu begonnen oder fortgeführt. Präventive Angebote hingegen musste ein Teil der Jugendämter aussetzen. „Die Ämter bemühen sich, so viel es geht zu ermöglichen“, sagt Liane Pluto. „Trotzdem liegt einiges brach: Es ist kein Jugendzentrum offen, die Krabbelgruppen sind geschlossen, Müttertreffs finden nicht statt."

In der Summe zeigt das „Jugendhilfeb@rometer“, dass die Jugendämter in Deutschland in der Corona-Krise vor vielen Herausforderungen stehen. Ihre Kontaktmöglichkeiten sind beschränkt, sie müssen bei ihrer Arbeit den Infektionsschutz sicherstellen und zusätzliche technische Ausstattung organisieren. Mit anderen Stellen können sie nur eingeschränkt kooperieren, und auch die eingespielte Kommunikation mit Lehrerinnen und Lehrern sowie Ärztinnen und Ärzten fällt weg. Hinzu kommen Personalausfälle und weniger Hilfemöglichkeiten aufgrund von Einschränkungen bei Anbietern von Hilfen oder anderen Stellen. Trotzdem ist es den Ämtern und ihren sozialen Diensten gelungen, ihre Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten, einen Großteil ihrer Aufgaben weiterhin zu erfüllen und vor allem ihren Kinderschutzaufgaben nachzukommen.

Das „Jugendhilfeb@rometer“ ist eine Online-Erhebung des Projekts „Jugendhilfe und sozialer Wandel ‒ Leistungen und Strukturen“ am Deutschen Jugendinstitut. Vom 23. April bis zum 12. Mai 2020 haben daran 65 Prozent der insgesamt 575 Jugendämter in Deutschland teilgenommen. Ziel der Erhebung war es, empirisch belastbare Aussagen zu den Folgen der coronabedingten Einschränkungen auf die Arbeit der Jugendämter machen zu können. [DJI am 17.06.2020]


Kontakt

Dr. Liane Pluto
Abteilung Jugend und Jugendhilfe
Tel 089 62306 169
pluto@dji.de

Marion Horn
Abteilung Medien und Kommunikation
horn@dji.de



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