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Ideen zu Veränderungen betreuungsrechtlicher Praxis – Was aus Anerkennung folgen kann

Aufsätze

In diesen Zeiten des Umbruchs: durch eine Betreuungsrechtsreform, deren Umsetzung und Folgen noch nicht einschätzbar sind; durch die Neusortierung des Sozialrechts vor allem durch die Umsetzung des BTHG; durch Corona-Regelungen, die massive Grundrechtseinschränkungen für behinderte, pflegebedürftige und kranke Menschen bedeuten und die allen noch lange erhalten bleiben werden; in diesen Zeiten des Umbruchs ist vorrangig das Bestehende und Bewährte gegen alle unnötigen und rückschrittlichen Veränderungsbestrebungen zu schützen. Gleichwohl sollten auch von der Seite der rechtlichen Betreuung Perspektiven für die Zukunft entwickelt werden, die über legislative und berufsständische Bestrebungen hinausgehen. Dieser Aufsatz fasst meine Ideen, an denen ich mich orientiert habe und die mir in meiner jetzt 20-jährigen Betreuerarbeit geholfen haben, für diesen Entwicklungsprozess zusammen. Im Kern geht es mir um ein Reframing von Betreuung: hin zu einer konsequenten Subjektorientierung, die nur mit einem Verständnis von Betreuung als sozialem Anerkennungsverhältnis praktiziert werden kann, das zuallererst uns Betreuer*innen herausfordert.

I. Grundlagen

Der erste Teil nennt Ideen, die helfen sollen, die Dichotomie zwischen den nach wie vor konträren Bestimmungen der rechtlichen Betreuung als Rechtsverhältnis und als Teil Sozialer Arbeit, im günstigsten Fall als Konglomerat beider Sphären begriffen, zu überwinden. Zum einen bedeutet dies eine konsequente Ausrichtung der Betreuung auf das Subjekt, den individuell zu betreuenden Menschen, und zum anderen ein Verständnis rechtlicher Betreuung als eine spezifische Ausprägung eines sozialen Anerkennungsverhältnisses.

1. Subjektorientierung

a) Soziale Matrix

Für die Änderung des betreuerischen Blicks weg von der Frage, was sagt mir meine Profession, was für diesen Menschen zu tun ist, hin zu einer umfassenden Wahrnehmung seiner Lebenssituation fehlen oft die Instrumente und Begrifflichkeiten zur Verbalisierung dieser Umstände. Die bekannten Instrumente des ICF, von Persönlichkeitsfragebogen und anderen Sets, erfassen stets nur auf Persönlichkeitsanteile bezogene Ausschnitte der Wirklichkeit. Den persönlichen und hier erforderlich professionellen Blick können sie nicht ersetzen. Auf den ersten Blick erscheint uns das Leben des Anderen wie eine Sammlung Borromäischer Knoten, die nicht zu entwirren sind, ohne das Ganze zu zerstören. Von Reich stammt eine Matrix, die im Bewusstsein der Verkoppelung aller menschlichen Lebensäußerungen ein Tableau möglicher Sichtweisen auf das Leben bietet. Diese Matrix habe ich für die Verwendung in der Betreuung modifiziert. In der Koordinate A) erscheinen „Weisen der Welterzeugung“ auf drei Ebenen: einer symbolischen, einer imaginären und einer realen, die unterschiedliche Arten von Blickmöglichkeiten und Sichtweisen eröffnen. Zur symbolischen Ebene gehören alle Deutungen weltlichen und interaktiven Geschehens, Sprache, Kultur und Wissen. Die zweite – imaginäre – Ebene bezieht sich auf den Sinn für und die Existenz von Möglichkeiten. Auf der dritten – realen – Ebene ist das tatsächliche Leben angesiedelt. Die Koordinate B) bezieht sich auf die Anwendung, die aktiv betrachtende, konstruierende, reflektierende, lebendige Schaffung von Welt und Umwelt und benennt drei Parameter: Konstruktion und ihre Beschaffenheit, Geltung und ihre Reichweite und Praxis und ihre Gangbarkeit (Viabilität). Aus diesen drei mal drei Bereichen entstehen neun Schnittmengenfelder aus der Sicht potenzieller in die Betreuungsarena eingebundener Beteiligter: Menschen, Personen oder Rollenträger aller denkbaren Konstellationen. Notwendig entwickeln sich dabei, da klare Abgrenzungen eher unwahrscheinlich sind, Grauzonen und Unbestimmtheiten, die zum genaueren Hinschauen verpflichten und Schubladendenken verhindern helfen.

So entsteht bspw. aus der Kombination der symbolischen als durch Bedeutungsträger vermittelten Sicht auf Phänomene mit dem Gedanken der Konstruktion reflexives Wissen, auf gegenseitige Verständigung abzielende Wissenschaft. Symbolisch bzw. textuell vermittelt und mit Anspruch auf Geltung versehen ist vorrangig der Bereich des Rechts und der Normen, im Bereich der Praxis handelt es sich um Kommunikation. Die reale Sichtweise gepaart mit der Konstruktion erschafft den Bereich des Alltagswissens, Realität und Geltung äußern sich im Bereich von Macht, unabhängig von ihrer Legitimierung, und der Bereich von Realität und Praxis schließlich entspricht dem Alltag. Systematisch lassen sich die Felder beschreiben:

  • a1: viele, vor allem sozialwissenschaftliche Disziplinen sind gerade in ihren möglichen Konvergenzstrukturen geeignet, Grundlagen rechtlicher Betreuung zu erfassen;
  • a2: Rechte und Normen sind in allen Bereichen der Betreuung konstitutiv;
  • a3: Kommunikationsprozesse im weiten Sinn sind die Basis aller Betreuungshandlungen aller an ihr konkret Beteiligten;
  • b1: subjektive Vorstellungen spielen vor allem für den betreuten Menschen und den Betreuer, der sich mit ihnen auseinandersetzt, die entscheidende Rolle;
  • b2: Glaubensfragen im weiteren Sinn betreffen grundlegende Überzeugungen der Handelnden, aber auch die Konstruktion wissenschaftlicher Annahmen;
  • b3: die Konstruktion rechtlicher Betreuung als Anerkennungsverhältnis, wie ich es vertrete, ist bspw. ein Entwurf; aber letztlich auch jede Hilfeplanung mit Festlegungen für die Zukunft;
  • c1: Alltags- und Erfahrungswissen strukturiert überwiegend das Betreuungshandeln;
  • c2: Macht- und Gewaltfragen sind auch als „Schatten der Hierarchie“ konstitutives Element der Betreuung;
  • c3: die Hilfestellung zur Realisierung der Vermittlung von Wille und Wohl durch den Betreuer dient dem Zweck der Schaffung von Verhältnissen, in denen der betreute Mensch ein Alltagsleben nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen führen kann.

Aus der Offenheit der Schnittmengen folgt für die praktische Anwendung die Notwendigkeit genauer Beschreibung. Eine schematische Zuordnung wird dadurch verhindert und trägt so zur Stabilisierung der subjektiven Perspektiven bei.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Ausgabe 2 / 2021 auf Seite: 43
Dr. Michael Krüger