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Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Eine kritische Bestandaufnahme aus pflegefachlicher und juristischer Perspektive

Aufsätze

Die Zahl von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung bzw. einer Demenzerkrankung in akutstationärer Behandlung nimmt stetig zu. Die Anwendung vermeidbarer freiheitsentziehender Maßnahmen bei dieser Patientengruppe gehört leider noch immer zum klinischen Alltag. Hintergründe, Folgen und Alternativen werden herausgearbeitet, die Rechtslage dargestellt und die Rechtspraxis kritisch gewürdigt.

I. Hintergrund

Täglich werden etwa 23.000 Menschen mit Demenz und weitere 24.000 ältere Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung in den Akutkrankenhäusern Deutschlands behandelt. Die von der Robert Bosch Stiftung geförderte General Hospital Study (GHoSt), die sich mit dem Anteil von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung bzw. Demenz in Allgemeinkrankenhäusern, mit deren Versorgungssituation sowie mit den damit verbundenen Herausforderungen auseinandersetzte, kam zu bezeichnenden Ergebnissen: So sind 40 % der über 65-Jährigen, die sich in akut-stationärer Behandlung befinden, von kognitiven Beeinträchtigungen, wie z.B. Delirien oder Demenzerkrankungen, betroffen. Die Studie weist auch darauf hin, dass Krankenhausaufenthalte dieser Patientengruppe häufig mit Komplikationen assoziiert sind. Diese können schon bei der Einweisung beginnen, da die Betroffenen sich hier in einer ungewohnten und hektischen Umgebung wiederfinden, die trotz vieler Initiativen und Bemühungen kaum auf ihre Bedürfnisse eingestellt ist.

Besonders erschwerend kommt hinzu, dass die Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen (FEM) z.B. mechanischer oder pharmakologischer Art, bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung nach wie vor den Klinikalltag begleitet. Zu mechanischen Mitteln sind dabei hochgestellte Bettgitter bzw. Bettseitenteile, Gurtfixierungen im Bett bzw. Stuhl, Fixierdecken, Therapie-Tischbretter am (Roll-)Stuhl und Türöffnungsvorrichtungen, wie z.B. Trickschlösser, zu zählen. Von einem Freiheitsentzug durch Medikamente wird gesprochen, wenn dem Betroffenen antriebshemmende, stark sedierende Arzneimittel nicht aufgrund einer therapeutischen Indikation, sondern mit dem Primärziel der Ruhigstellung verabreicht werden. Zu den sedierenden Medikamenten gehören z.B. – je abhängig von der Dosierung – Neuroleptika, Tranquilizer, Antidepressiva und Barbiturate. Aktuell konnte die GHoSt-Studie zeigen, dass knapp ein Viertel der Patienten mit Demenz und/oder Delir in Akutkrankenhäusern von FEM betroffen sind. Vor diesem Hintergrund sollen im Folgenden die Faktoren, die die Anwendung von FEM bei Menschen mit Demenz im Krankenhaus beeinflussen, analysiert und auf ihre Bedeutung für die Praxis untersucht werden. Abschließend wird der entsprechende juristische Rahmen skizziert.

II. Faktoren für die Anwendung von FEM im Akutkrankenhaus

Die Faktoren, die die Anwendung von FEM bei Menschen mit Demenz beeinflussen, sind vielschichtig: Neben Charakteristika der Betroffenen, z.B. einer Demenzerkrankung und einem hohen Grad von Pflegebedürftigkeit, werden im klinischen Kontext konkrete Begründungsansätze für die Anwendung von FEM angeführt. Strukturelle und prozessuale Merkmale der Gesundheitseinrichtung sowie die Haltung des Personals spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle, wie dies für Einrichtungen der stationären Langzeitpflege nachgewiesen werden konnte. Zu diesen beeinflussenden Faktoren ist auch die Rechtslage zu zählen, die als verpflichtende Rahmung der Versorgungspraxis fungiert. Diese Faktoren werden vor dem spezifischen Hintergrund der Versorgungssituation kognitiv beeinträchtigter Menschen im Akutkrankenhaus kritisch diskutiert werden.

1. Charakteristika der Betroffenen

Betrachtet man die Merkmale Betroffener, an denen in der Klinik typischerweise FEM zum Einsatz kommen, so gibt es Grund zur Annahme, dass die Diagnose oder bereits Vermutung einer Demenzerkrankung bzw. einer kognitiven Beeinträchtigung häufig bereits als Begründung für die Anwendung von FEM auszureichen scheint. Tatsächlich zeichnen sich in der Literatur einige Charakteristika von älteren Patienten ab, die als Prädiktoren mit der Anwendung von FEM assoziiert werden: Einbußen in der Mobilität, ein hohes Maß an Angewiesenheit auf Unterstützung sowie nicht zuletzt eine kognitive Beeinträchtigung. Ebenfalls werden vergangene Sturzereignisse sowie die Einnahme psychotroper Medikamente mit FEM in Beziehung gesetzt. Bezeichnend ist, dass bei Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen das Risiko, FEM ausgesetzt zu werden, im Vergleich zu Menschen ohne solche Einschränkungen 70,9-mal höher ist. Bei pharmakologischen Interventionen zur Freiheitsentziehung ist das Risiko 4,1-mal höher. Dies bedeutet zwar nicht, dass FEM monokausal auf eine kognitive Beeinträchtigung der Betroffenen zurückzuführen sind, jedoch lässt sich ein Zusammenhang der Diagnose bzw. Vermutung Demenz und der Intervention FEM nicht abstreiten.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Ausgabe 2 / 2021 auf Seite: 58
Sebastian Ritzi, Prof. Dr. habil. Thomas Klie