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Interview mit Joel Müller, Absolvent der Fachrichtung Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Köln

In seiner Bachelorarbeit hat sich Joel Müller intensiv mit dem Thema "Building Information Modeling" (BIM) befasst. Der Einsatz von BIM im Baubetrieb kann Prozesse optimieren und Kosten sparen. Langfristig betrachtet. Welche Perspektiven und Anstrengungen diese neue Methode mit sich bringt, erläutert der Absolvent im Interview.

Joel Müller hat an der Fachhochschule Köln im dualen Studium Bauingenieurswesen studiert und in seiner Vertiefungsrichtung Baubetrieb gewählt. Gerade dieses Jahr im Frühling hat er seinen Bachelorabschluss bestanden. In seiner Bachelorarbeit greift er ein Thema auf, welches für die Baubranche zunehmend an Bedeutung gewinnt. Er hat die „Methoden Building Information Modeling“ (BIM) und „Lean Construction“ untersucht und parallel an einem fiktiven Projekt der August Prien GmbH in Hamburg angewendet. Seine intensiv recherchierte Arbeit zeigt, wieso beide Methoden zukünftig für Bauunternehmen im Hochbau wichtig sein werden und wie Verschwendungen am Bau aktiv minimiert werden können.

Redaktion Bautechnik: Herr Müller, Sie haben ein spannendes Thema für Ihre Arbeit gewählt. Sie befassen sich mit der „Fortführung der Verschwendungsminimierung durch parallele Anwendung der Methoden Building Information Modeling und Lean Construction an einem Praxisbeispiel“. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Joel Müller: Während meines Studiums in Köln wurden zahlreiche Gastvorträge von Experten aus der Baubranche gehalten. Dort haben mich zum einen der Vortrag von Herrn Hohnen, dem Technischen Leiter der Vilis GmbH, einer Interboden-Tochter, überzeugt, der davon berichtete, wie die Vilis GmbH auf ihrem Pilotprojekt in Köln-Kalk das Lean Construction Konzept der Porsche Consulting GmbH anwendet. Weiterhin haben mich die Präsentationen und Workshops von Herrn Bayer der BIB GmbH, einem BIM-Softwarehersteller, sehr motiviert, die Methode Building Information Modeling selbst auszutesten.

Redaktion Bautechnik: Sie haben an der Fachhochschule Köln bei Professor Jürgen Danielzik in der Fachrichtung Bauingenieurwesen und Umwelttechnik studiert. Hat er Sie dazu ermutigt, sich dem Thema Building Information Modeling (BIM) zu widmen?

Joel Müller: Prof. Dr.-Ing. Danielzik hat durch die große Anzahl von Gastvorträgen durch verschiedene Softwarehersteller uns Studenten dahingehend mit der Thematik vertraut gemacht, dass Vorteile gegenüber dem herkömmlichen baubegleitenden Planen ganz klar benannt und der Fortschritt der deutschen Bauindustrie mit den Erfolgen aus dem Ausland gegenübergestellt wurden.

Redaktion Bautechnik: Da ist also der Funke bei Ihnen übergesprungen, als Sie Herrn Hohnen in seinem Gastvortrag an der Fachhochschule kennenlernten und er davon berichtete, wie sich durch die Methoden Lean Construction und Building Information Modeling die Prozesse im Baubetrieb verbessern lassen?

Joel Müller: Ich hatte das Glück, als Werkstudent das Pilotprojekt der Vilis GmbH in Köln-Kalk begleiten zu dürfen. Er berichtete mir fortlaufend, wie er die Anwendung von Building Information Modeling im Hause Interboden, im Speziellen bei den hauseigenen Architekten vorantrieb. Aus zeitlichen Gründen musste ich ihm damals allerdings absagen, mich auch noch im 3D-Zeichnen weiterzuentwickeln.

Redaktion Bautechnik: Sie nennen in Ihrer Arbeit eine beachtliche Zahl. Gemäß dieser entstanden der Baubranche gemessen am gesamten baugewerblichen Umsatz im Jahr 2012 geschätzte 12 %, also ca. 9 Milliarden EUR Fehlerkosten. Das ist ja ein beträchtlicher Betrag und macht deutlich, dass hier Optimierungsbedarf besteht. Worin liegen denn Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Bauunternehmer und Subunternehmer?

Joel Müller: Mir fiel während meiner Praktika und Betriebsphasen im dualen Studium immer wieder auf, dass in unterschiedlichen Projektphasen aufgrund von vermeintlich zügigerer Arbeit, Massen händisch ermittelt werden (oft eben auch von Studenten) bzw. mit Kennwerten kalkuliert wird und in Teilgewerken Mengen gänzlich unsicher ermittelt werden. Die Verschwendung liegt grundsätzlich in dem Paradoxon, dass vom Architekten in ein CAD-Programm bereits Maße digital in die Zeichnung eingetragen werden, diese Zeichnungen oft aber über PDF-Formate ausgetauscht werden und somit die Möglichkeit diese Maße zu nutzen wegfällt.

Redaktion Bautechnik: An welchem Punkt steht denn die Bauwirtschaft Ihrer Ansicht nach im Moment?

Joel Müller: Auf den Messen und Workshops wurde berichtet, dass BIM in Deutschland in den Kinderschuhen steckt und viele Firmen gerade Pilotprojekte starten. Lean Construction wird schon seit ein paar Jahren von einigen großen Bauunternehmen eingesetzt, die Frage besteht allerdings, wie nachhaltig das System auf der Baustelle ausgeführt wird. 

Redaktion Bautechnik: Wohin wird sich denn BIM in den nächsten Jahren entwickeln?

Joel Müller: Wenn Unternehmen BIM als Möglichkeit entdecken, die Planung zu verbessern und Kalkulationsschritte zu automatisieren, wird nach einer Implementierungsphase mit absinkender Produktivität diese nach meiner Ansicht stark ansteigen und die Kalkulationsabteilungen werden zeitlich entlastet und es könnten Gewerke und Abläufe genauer kalkuliert bzw. geplant werden. Bis Building Information Modeling im Honorarrecht verankert ist, wird BIM zuerst von Projektentwicklern oder privaten Auftraggebern eingesetzt, wenn diese vertraglich Einfluss auf die Zeichenweise des Architekten nehmen. Für Bauunternehmen bedeutet die Erstellung eines 3D-Modells klar einen Mehraufwand, der sich zusammen mit Investition in die Software erst amortisieren muss.

Redaktion Bautechnik: Sie beschreiben in Ihrer Arbeit, dass Baupläne auch heutzutage häufig noch in 2D gezeichnet werden. Sie selbst sprechen hingegen von 5D.  Was genau meinen Sie damit?

Joel Müller: Es wird von fünf Dimensionen gesprochen, wenn in CAD-Modelle in 3D gezeichnet werden und die Bauteile /Objekte durch eine Bemusterung soweit mit Informationen angereichert werden, sodass daraus Bauzeiten (4. Dimension) und Kosten (5. Dimension) ermittelt werden können.

Redaktion Bautechnik: Sie sind jetzt seit Kurzem als Bauleiter im Wohnungsbau bei der August Prien Bauunternehmung in Hamburg angestellt. Befassen Sie sich denn auch heute noch mit der Verbesserung von Prozessen?

Joel Müller: Lean Construction erleichtert mir den Einstieg als Bauleiter auf dem aktuellen Wohnungsbauprojekt mit 77 WE insoweit, dass ich durch die Gewerkesequenz (wochenweiser Ablauf) einen vorgegebenen Fahrplan habe. Diesen versuche ich zu verfeinern, um möglichst alle Arbeitsschritte zu erfassen. Bei kleinen Zwischenschritten oder Überprüfungen ist eine tagegenaue Festlegung und wochenweise Wiederholung meiner Meinung nach sinnvoll und automatisiert den Bauablauf.

Redaktion Bautechnik: Was haben Sie in Ihrer beruflichen Zukunft vor? Werden Sie sich am Verein buildingSMART e.V. beteiligen und den Prozess der Einführung von BIM aktiv mitgestalten?

Joel Müller: Meiner Ansicht nach ist es notwendig, zunächst in der Bauleitung Erfahrungen zu sammeln. Ich würde mir aber wünschen, dass ich in einen Implementierungsprozess einer BIM-Software bei Aug.Prien weiterhin zumindest teilweise involviert bleiben kann. Es wird sich zeigen, inwieweit das zeitlich möglich ist. Aus persönlichem Interesse werde ich mich in Zukunft auf jeden Fall über eine Mitgliedschaft im buildingSMART weiterbilden.

Redaktion Bautechnik: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten in Bezug auf BIM. Was würden Sie sich wünschen?

Joel Müller: Ich würde mir wünschen, dass meine Bachelorarbeit dazu beiträgt, die Entscheidung für eine Einführung der BIM-Arbeitsweise in Kalkulation und Arbeitsvorbereitung positiv ausfallen zu lassen und dass ich die Methode an zukünftigen Projekten austesten dürfte.

Redaktion Bautechnik: Herr Müller, ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für das Interview und Ihre visionären Gedanken! Ihre Arbeit zum Thema BIM hat mich sehr bereichert. Werden Sie Ihre Bachelorarbeit veröffentlichen oder wie können unsere Leser an Ihren Gedanken teilhaben?


Joel Müller: Ich bedanke mich auch recht herzlich für das Interesse und würde mich freuen, wenn die Abschlussarbeit - sei es in meinem Unternehmen oder auch außerhalb - für Motivation sorgt, Building Information Modeling einzusetzen. Wenn die Anfrage zu einer möglichen Veröffentlichung an mich herangetragen wird, würde mich das natürlich ebenso freuen.

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